Von Jürgen Scharf

Lörrach. Als Sinfonie in Licht – so erscheint Schuberts „Tragische“ in der Darstellung des Else-Klink-Ensembles. Vier Sätze als bewegte, in Farben getauchte Themen und Motive. Was in der Musik schwingt, will die Eurythmie als Kunst sichtbar machen und durch Bewegung interpretieren. Dabei kommt diese durchaus faszinierende Bewegungskunst zu ganz anderen tänzerischen Lösungen als der zeitgenössische Tanz.

Im voll besetzten Burghof sieht man, was diese besondere Bühnenkunst ausmacht, wo sie heute steht und wohin sie geht. Es ist eine expressionistische Kunst, eine innerlich bewegte Gebärdensprache, bei der Klang und Geste zusammenfinden und Rhythmus und Klänge zu Gesten und Figuren werden. In der Schubert-Sinfonie war das sehr deutlich, was diese Formgestaltung ausmacht.

In Wagners Lohengrin-Ouvertüre mit ihren flirrenden Streichern ergeben sich durch die fließenden Bewegungen der Tänzer, der Kleider und farbigen Tücher und die rhythmischen Schwingungen der Musik, die ständig in ein neues farbiges Licht getaucht werden, interessante tänzerische Effekte. Die vielen jungen Bühnenkünstler sind hier anders als bei Schuberts „Tragischer“ gewandet, gralsmäßiger, die Gestik ist erhabener, auch theatralischer.

Das Gastspiel der bekannten Stuttgarter Eurythmiebühne und des Musikkollegiums Winterthur mit dem abendfüllenden Bühnenprogramm „Kontraste – Klanggeste. Musik und Eurythmie“ wurde durch den Verein zur Förderung der Eurythmie in Lörrach möglich gemacht, der es sich zum Ziel gesetzt hat, der Eurythmie als Bühnenkunst ein größeres Forum zu verschaffen.

„Kontraste“ ist ein experimentelles Programm, in dem diese spezielle Bewegungskunst den Orchesterklang zu einem Bühnengeschehen gestaltet. Dass das nicht nur in tradierten Formvorstellungen abläuft, sondern sich der Resonanzraum auch für Modernes, Zeitgenössisches öffnet, sah man bei Anton Webern (Fünf Sätze op. 5) und dem Gegenwartskomponisten Oscar Strasnoy („Y“ for Orchestra). Hier arbeitet das künstlerische Leitungsteam, das Erfolgsduo Benedikt Zweifel und Carina Schmid, choreografisch weit moderner. Sie lassen neue Bewegungsmodelle und Tanzelemente zu, wie man sie aus dem Tanztheater kennt - aber stets eingebunden in die Ausdruckssprache der Eurythmie.

Zu Weberns hochexpressiver, durchstrukturierter Musik entsteht so analog eine tänzerische Umsetzung zwischen Struktur und Stimmung, bei der diese Miniaturen, die musikalische Gedanken komprimieren, auf der Eurythmiebühne fantasievoll in imaginäre Räume ausgreifen können. So luftig, transparent und filigran wie diese musikalische Geste einer eher hermetischen Tanzkunst, so lichtdurchflutet und durchsichtig waren die Klänge, die aus dem Orchester kamen.

Das Musikkollegium Winterthur, ein traditionsreiches Schweizer Spitzenorchester mit feinster Klangkultur, hat dieses sinfonische Eurythmieprogramm mit subtilsten Klangfarben einstudiert. Orchesterchef Rubén Dubrovsky sorgt am Dirigentenpult wiederum für Kontraste in der Musik, indem er den Stil eines jeden Stückes gut trifft - innerhalb der großen Spannweite des Gesamtkünstlers Richard Wagner bis zur avantgardistischen Klangschöpfung Weberns.

Besonders bei den modernen Stücken ließ der Klangsensualismus der Winterthurer aufhorchen und übertrug sich auf das Bühnengeschehen, sodass es wirklich ein bewegender, kontrastreicher Abend wurde, der zudem zeigte, dass die künstlerische Eurythmie in Bewegung ist.